Von Annika Schmidt

Dass der Erfolg von Organisationsentwicklungsprozessen maßgeblich davon abhängt, inwieweit die Mitarbeiter sich mitgenommen und abgeholt fühlen, ist mittlerweile common knowledge. Kulturentwicklungen sind häufig sogar fester Bestandteil langwieriger Veränderungsprozesse und sollen als feste Struktur für Orientierung und Sicherheit sorgen.

Doch dass Kultur mehr ausmacht als ein festes Werteset, Führungsgrundsätze und Mitarbeiterleitlinien, wird dabei gern vernachlässigt, sodass die aufwendig entwickelten Strukturen häufig nur auf dem Papier oder der Homepage existieren, jedoch selten mit Leben gefüllt werden. Die Chance, mit einer wertschätzenden, wohlwollenden Teamkultur Veränderungsprozesse nachhaltig zu tragen, wird auf diese Weise oft vertan.

Die Idee von Kultur als einer festen Orientierungsstruktur beruht auf dem engen Kulturverständnis der Nationalkultur, das in der Wissenschaft bereits seit den 1990er Jahren kritisiert wird und als überholt gilt. Kultur ist keine Schablone, in die sich Mitarbeiter „pressen“ lassen, um den Unternehmenswerten konform zu handeln und sich mit dem Arbeitgeber zu identifizieren. Kultur macht nicht alle gleich und stereotypisch berechen- bzw. analysierbar.

Kultur ist ein zwischenmenschliches, dynamisches Gefüge im Spannungsfeld von Prozess und Struktur, auf das jeder Einzelne im Team einwirkt sowie es umgekehrt auch auf jeden Mitarbeiter und jede Führungskraft einwirkt. Kultur verbindet die individuelle Einzigartigkeit mit einem Kollektiv, zu dem sich das Individuum zugehörig fühlt. So werden die individuellen Unterschiede in Hinblick auf eine gemeinsame Zugehörigkeit, eine übergeordnete Gemeinsamkeit, wertschätzend und sich konstruktiv ergänzend zusammengefügt.

Ein solches, weites Kulturverständnis zielt also nicht auf die Etablierung von Strukturen, sondern auf ein wohlwollendes Miteinander im Team. Das bedeutet kontinuierliche Beziehungspflege im weitesten Sinne: Jedes Mitglied kennt seinen Platz im Team und lernt sowohl diesen zu akzeptieren als auch alle anderen Mitglieder in ihrer spezifischen Besonderheit wertzuschätzen. Wird dieser Umgang miteinander kontinuierlich gepflegt und gefördert, das heißt nach und nach zur Gewohnheit, dann kann eine strukturelle Ebene der Teamkultur für Außenstehende sichtbar und mit Werten, Grundsätzen, Leitlinien beschreibbar werden.

Wenn wir Teams und Organisationen bei ihren Entwicklungsprozessen begleiten, achten wir auf die subtilen Feinheiten im alltäglichen Umgang – verbal und nonverbal. Wir reflektieren gemeinsam mit den Teams unbewusste Vorannahmen, Stereotypen, Wahrnehmungsmuster und erarbeiten den Nutzen der unterschiedlichen Fähigkeiten für die Teamarbeit und das Gesamtunternehmen. Dabei richten wir den Blick wertschätzend auf die Individualität des Einzelnen und zielrichtend auf das übergeordnet Verbindende.