Von Sabine Walter

Die Helden sind tot. Wir brauchen Helden. Die Legenden über Helden wie Siegfried, Homer und Odysseus gehören schon lange der Vergangenheit an. Und doch ist die gesellschaftliche Suche nach Held*innen unserer Zeit aktueller denn je. Was macht Held*innen aus? Und warum brauchen wir sie in der heutigen Zeit so dringend? Diese beiden Fragen möchten wir in dem Artikel beantworten.

Wer ist ein Held? Eine Begriffsklärung.

Schlägt man das Wort „Held“ im Duden nach, finden sich verschiedene Bedeutungen:

  • durch große und kühne Taten besonders in Kampf und Krieg sich auszeichnender Mann edler Abkunft
  • jemand, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt
  • jemand, der sich durch außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg auszeichnet und durch sein Verhalten zum Vorbild [gemacht] wird
  • jemand, der auf seinem Gebiet Hervorragendes, gesellschaftlich Bedeutendes leistet

Heldenhaftes Handeln bedeutet also heute wie damals: für die Sache brennen, mutig sein, zupacken, Verantwortung übernehmen, voran gehen, etwas erschaffen oder hinterlassen, über das Übliche hinauswachsen.

Was unterscheidet die Held*innen von heute von denen der Vergangenheit?

1. Gemeinsam statt allein

Mutige Alleingänge, wie Siegfried oder Odysseus sie gemacht haben, reichen heutzutage nicht aus, um die weltpolitischen, gesellschaftlichen und unternehmerischen Probleme zu lösen. Dazu ist die Welt zu komplex und zu vernetzt. Was wir brauchen, sind Menschen, die die Komplexität verstehen, den Überblick behalten und ihr Handeln an dem Wohle aller ausrichten.

2. Macht impliziert gesellschaftliche Verantwortung

Macht – egal ob politische oder wirtschaftliche – impliziert gesellschaftliche Verantwortung und erfordert echtes Gestalten im Sinne der Zukunft unseres globalen Miteinanders. Nicht nur Politiker, sondern vor allem auch Unternehmen haben durch ihre globale Präsenz Verantwortung für die Zukunft der Menschen. Wenn Bayer sich entscheidet, Saatgut infertil auszuliefern, hat das massive globale Auswirkungen. Wenn Apple sich dafür entscheidet, jedes Jahr ein neues iPhone-Modell auf den Markt zu werfen, hat das massive globale Auswirkungen. Wenn Aldi oder Lidl dazu übergehen, keinerlei Plastikverpackung mehr einzusetzen, hat das massive globale Auswirkungen. Wenn Reedereien sich entscheiden, ihre Schiffe mit umweltfreundlichen Treibstoff zu betreiben, hat das massive globale Auswirkungen.

Daran sehen wir, die Verantwortung der Unternehmen, besteht nicht in erster Linie darin, die Renditeerwartung der Aktionäre oder Investoren zu erfüllen sondern gesellschaftspolitische Verantwortung für unseren Planeten und für uns als Menschen zu übernehmen.

3. Visionäres Gestalten statt persönlicher Status

Wir brauchen ein Umdenken in unternehmerischen Zielsetzungen. Wir brauchen mutige und entschlossene Unternehmer, Investoren und Führungskräfte, die dieses Umdenken vorleben und einleiten. Dies kann nur gelingen, wenn der persönliche Treiber hinter diesen Entscheidungen nicht länger Geld, Status- und Machterhalt ist, sondern echtes visionäres Gestalten.

Angesichts der weltpolitischen, gesellschaftlichen und unternehmerischen Herausforderungen ist es common sense, dass ein Held oder eine Heldin allein nicht ausreicht. Das heldenhafte in uns allen will geweckt und gefördert werden, um uns

  • unerschrocken und mutig den Herausforderungen im Kleinen und im Großen zu stellen
  • ungewöhnliche Taten zu vollbringen,
  • durch unser Verhalten Vorbild zu sein und andere mitzureißen
  • auf dem jeweils persönlichen Gebiet gesellschaftlich Sinnvolles zu leisten

Um das Heldenhafte in uns wachsen zu lassen und zum Wohle aller einzusetzen, gilt es narzistische Abwehrmechanismen zu überwinden. Hans-Joachim Maaz schreibt in seinem Buch „Die narzistische Gesellschaft“ (C.H. Beck Verlag, 08/2014):

  • „Wir müssen einer Wachstumsideologie entkommen, die sich aus narzistisch unbefriedigten Bedürfnissen speist. Dazu müssen wir Wohlstand und Wachstum nicht vorrangig materiell, sondern bezogen auf die Qualität und die Entwicklung unserer sozialen Beziehungen verstehen.
  • Wir müssen eine Leistungsgesellschaft verlassen, die der Kompensation seelischer Defizite dient. Dazu müssen wir Leistungen nicht vorrangig nach Geld- und Marktwerten beurteilen, sondern im Hinblick auf individuelle Möglichkeiten sowie soziale und ökologische Notwendigkeiten. Wir müssen lernen, natürliche Begrenzungen zu akzeptieren.“

Daher: Wir brauchen Helden*innen – mehr denn je! Lassen wir sie in uns wachsen. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Nutzen werden sich einstellen.